Objekt des Monats

aus dem Museum der Sternwarte Kremsmünster

Jänner 2000


Mittagslinie

Die Mittagslinie im Astronomischen Kabinett unter P. Placidus Fixlmillner
Bleistiftzeichnung als Vorlage für einen Kupferstich in Bernoulli's Reisebeschreibung (1780)
Foto: P. Amand Kraml


Das "Mittagsloch im Turm"

Meridianöffnung
Beobachtungsschlitz für den südlichen
Mauerquadranten mit Gnomonloch
2001-08-29
Darstellung des Sonnenstandes
am 2001-08-29 um 13:04:29 MESZ
Das nebenstehende Bild links zeigt die 1999 bei den Restaurierungsarbeiten der Fassade wieder freigelegte Öffnung für die Beobachtung des Sonnenstandes auf der Meridianlinie im Astronomischen Kabinett. P. Plazidus Fixlmillner, der erste Direktor unserer Sternwarte, machte hier seine ersten systematischen astronomischen Beobachtungen. Seine erste astronomische Publikation - Meridianus Speculae Astronomicae Cremifanensis...(1765) - spiegelt die Aktivitäten an dieser Beobachtungsöffnung wider. Er bestimmte mit einer hier eingebauten Sonnenuhr durch mehrjährige Beobachtung des Sonneneinfalls zu Mittag die geographische Breite seines Observatoriums.
Vor einigen Jahren ist es gelungen, dieses Fenster wiederzufinden und es innen freizulegen. Um diese im zweifachen Sinn so einleuchtenden Sonnenstandsbeobachtungen den Besuchern unseres Turmes vor Augen führen zu können, wurde im Zuge der aktuellen Renovierungsarbeiten die Meridianspalte wieder geöffnet. Es kann also in Zukunft bei freier Sonne zur lokalen Mittagszeit der zu Beginn der astronomischen Forschungstätigkeit in Kremsmünster so wichtige Sonnenfleck am Boden auf der Meridianlinie wieder beobachtet werden.
Die Messvorrichtung bestand in einer Eisenplatte am Fuß des Fensters des südlichen Mauerquadranten. In der Eisenplatte ist eine Ausnehmung (ca. 40 x 60 mm), in die ein Messingplättchen eingeschoben ist. Dieses Messingplättchen wiederum hat in der Mitte ein Loch von etwa 5 mm Durchmesser. Zu diesem Sonnenloch in etwa 4 m Höhe gehört auf dem Boden die Meridianlinie. Sie ist durch rote „Marmor"-Platten besonders gekennzeichnet. Über diesen Bodenstreifen war offensichtlich ein Draht genau in Nord-Süd-Richtung gespannt. Die Ablesung des Sonnenstandes wurde an einer auf dem Boden liegenden, verschiebbaren Platte gemacht. Laut P. Bonifaz Schwarzenbrunner wurden am 21. Sept. 1806 wurde der Höchststand der Sonne zum ersten Mal an einer untergelegten weissen Blechtafel und an der darauf gezogenen Mittagslinie beobachtet, zuvor immer an der gespannten Schnur allein.
Die Fensteröffnung setzte sich außen in einem schmäleren Schlitz nach oben bis zum Steingesims am Boden der Besucherterrasse fort. Ein später ins Gesims eingesetzter Stein zeigt dies deutlich. Dieser Schlitz bot die Beobachtungsmöglichkeit für den ebenfalls an der Meridianlinie gegen Mittag montierten südlichen Mauerquadranten.
Die oben wiedergegebene Bleistiftzeichnung stammt von Johann Bapt. Illinger jun. und wurde für Bernoulli’s Reisebeschreibung (1780) angefertigt. Sie zeigt deutlich die einfallenden Sonnenstrahlen und den Sonnenfleck am Boden des Astronomischen Kabinetts.

Bereits P. Laurenz Doberschiz geht in seiner Beschreibung der Sternwarte von 1764 auf die Mittagslinie ein. Seine Einleitung zu den "Astronomica" sei hier eingefügt:

ASTRONOMICA
§1.

Ich komme hier gleichsam auf die höchste Zinne, oder auf das dem Ansehen nach äusserste Ende des mathematischen Thurnes, da ich doch noch lange nicht das letzte End der innerlichen Beschreibung erreichet habe. Die Ordnung aber erheischet die Sachen, und Instrumenten jener Wissenschaft hier anzusetzen, die der Hauptgegenstand des in eine solche Höhe aufgeführten Gebäudes ist. Ich verstehe die Astronomiam, iene edle und erhabene Wissenschaft, so die Gestirne des Himmels in ihrem Laufe zu beobachten mit der platten Erde nicht zufrieden ist: sondern auf selber die höchsten Örter sich auserliset.
§2.

Wirklich ist auch kein Zimmer in dem ganzen Thurne so schön und prächtig, denn dieses. <SE323> Es ist selbes ein förmlicher Saal mit einem eigenen dazu gemachten Apartement. Beyde sind von beträchtlicher Höhe und Größe, wie solches aus den Fenstern, deren an der Zahle 19 sind, leicht zu sehen ist. Der Boden ist durchaus mit weiß und rothem Marmor wechselweise sehr zierlich eingeleget. An beyden Wänden hangen gegenüber (vis à vis) die Bildnißen beyder Majestäten FRANCISCI I, und MARIAE THERESIAE in Lebensgröße sehr schön gemahlen. Thüren oder Eingänge in diesen astronomischen Saale sind 6. Schmale Oefnungen oder Meridianfenster sind 4.

Unter Nr. 27 der Astronomica führt Doberschitz an:
27. 3 hölzerne Gestelle mit darauf gepickten Papierbögen, so man in die Meridianlinie setzet, um damit das solstitium hyemale, und aestivale, wie auch das aequinoctium zu observiren.

P. Laurenz Doberschiz kannte auch die Mittagslinie von Cassini in S. Petronio in Bologna aus eigener Anschauung. Auf seiner Romreise 1765 hat er sie gesehen und mit Dr.ssa Laura Bassi (1711-1778) - Professorin der Physik am Istituto delle Scienze - darüber gesprochen. Diese in mancherlei Hinsicht sehr aufschlussreiche Episode vom 24. September 1765 findet sich im Tagebuch seiner Romreise Iter Romanum.


Quellen und Literatur:

DOBERSCHITZ, P. Laurenz 1764: Specula Cremifanensis, MS CCn 1048 (Herausgegeben von P. Amand Kraml als Heft Nr. 40 der Berichte des Anselm Desing Vereins, Februar 1999)

DOBERSCHIZ, P. Laurenz 1765: Journal oder Tägliche Beschreibung iener Reise, welche in dem Jahre 1765 den 4. Sept. nach Rom und den Berg Caßin mit Erlaubniß der Oberen angetretten, und den 18. Nov. mit Gott auch glücklich vollendet hat P. L. D. P. C., CCn 299

FABIAN, Ilse, 1999: Wiederbelebung der Mittagslinie im Stift Kremsmünster, in: Rundschreiben 18/1999 Österreichischer Astronomischer Verein. Arbeitsgruppe Sonnenuhren - Gnomonicae Societas Austriaca, 9-11

FIXLMILLNER, P. Placidus 1765: Meridianus Speculae Astronomicae Cremifanensis seu Longitudo eius Geographica... Styrae

FIXLMILLNER, P. Placidus, 1780: Kurze Geschichte und Beschreibung der Sternwarte zu Kremsmünster, 1780 Nebst drey Kupferplatten, in: Bernoulli, Johann, Sammlung kurzer Reisebeschreibungen und anderer zur Erweiterung der Länder- und Menschenkenntnis dienender Nachrichten, Jg. 1781, 4. Bd. 373-381

KRAML, P. Amand 1999: Anselm Desing und das Benediktinerstift Kremsmünster, in: Knedlik, Manfred & Schrott, Georg (Hrsg.), Anselm Desing (1699-1772). Ein benediktinischer Universalgelehrter im Zeitalter der Aufklärung, Kallmünz, 64-79 (und 391-397, Katalogteil)

RANKL, P. Richard, Der Meridian von Kremsmünster, in: 78. Jahresbericht des Obergymnasiums zu Kremsmünster, Linz 1928

SCHWAB, P. Franz +, 1995: Ein Sternwartebesuch im Jahre 1761. Auszug aus der Arbeit über P. Eugen Dobler (hrsg. von P. Amand Kraml) in: Berichte des Anselm Desing Vereins, Heft 28, Februar 1995, Kremsmünster, 24-28

SCHWARZENBRUNNER, P. Bonifaz 1827: Materialien zu einer Geschichte der Sternwarte und der Sammlungen in derselben, MS, Archiv der Sternwarte.


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