Objekt des Monats

aus dem Museum der Sternwarte Kremsmünster

Juni 2001


Seismograph von Pfaundler

Erdbeben-Registrator von Pfaundler 1897
Bodenplatte: 24 cm DM, Höhe: 36 cm
Inv. Nr.: 11110703
Foto: P. Amand Kraml


Erdbeben-Registrator von Pfaundler

Das erste Messgerät zum Registrieren von Erdbeben an der Sternwarte Kremsmünster war der 1897 von Pfaundler in den Sitzungsberichten der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften vorgestellte "Erdbeben-Registrator mit elektrisch - photographischer Aufzeichnung des Zeitmomentes des Stosses".


Vor dem Erdbeben Nach dem Erdbeben Das Prinzip dieses Instrumentes besteht in der fotografischen Aufzeichnung der Uhrzeit anlässlich des vom Erdbeben bewirkten Falls einer kleinen Kugel. Das linke Bild zeigt die Kugel in Erwartung eines Erdbebens. Sie liegt auf einem kegelförmigen Metalldrehkörper, der in der Achse eine Bohrung hat. Mit viel Geschick kann man die Kugel auf den Rand dieser Bohrung auflegen. Bei Erschütterung fällt die Kugel von ihrer labilen Lage in den Trichter und von dort nach unten in einen löffelförmigen Hebel, der nun seinerseits über einen elektrischen Kontakt die fotografische Aufnahme des Zifferblattes der Uhr auslöst. Dazu werden im Registriergerät (Abb. unten) zwei Glühlampen zum Leuchten gebracht. Um schließlich die Alarmeinrichtung in Gang zu setzen, wird die Kugel in einen zweiten löffelförmigen Hebel weitergegeben, wo sie liegen bleibt bis sie wieder herausgenommen wird und damit der Alarm gelöscht wird. Wieder in die labile Lage gebracht, kann das nächste Erdbeben abgewartet werden.

Registriergerät In Kremsmünster wurde im März 1897 dieser Apparat in Betrieb genommen. Nachdem sich das tägliche Aufziehen der Uhr als zu umständlich herausstellte, entwarf unser Mechaniker eine elektromagnetische Vorrichtung, die im Moment der Erschütterung anstatt eine fotografischen Aufnahme zu machen eine astronomische Pendeluhr zum Stehen brachte. Dies wurde bewerkstelligt, indem ein netzartiges Gewebe die Pendelspitze der Uhr unmittelbar nach Auslösen des Kontaktes in ihrer Position festhielt.

Die Geschichte der Erdbebenbeobachtungen geht in Kremsmünster aber viel weiter zurück.

Beben 1511 Zum Beispiel wurde das Erdbeben vom 26. März 1511 in einer Pergament-Handschrift des frühen 13. Jhs. notiert. Es handelt sich dabei um ein Antiphonale, von dem nur mehr einige Seiten als Fragment erhalten sind (Fragmentensammlung V/195), da sie einmal als Spiegel (Deckelinnenbeklebung) verwendet wurde. Format: Quart, Eintragung am Grund der Seite, der Eintrag stammt wohl [nach P. Rupert Froschauer, mündlich] von der Hand P. Johann Urkauffs (ca. 1460-1514)
Der Text lautet: Item Nota: Anno domini Millesimo quingentesimo undecimo proxima die post festum annuntiacionis dominice circa horam secundam et terciam factus est terre motus ita ut omnia edificia monasterii mota sunt. Eciam tercio die circa primam et secundam ita ut alique habitaciones mota [sic!] sunt. (Transskription von Dr. Hauke Fill)

Dieses Erdbeben vom 1511-03-26 zeigt übrigens sehr viele Gemeinsamkeiten mit den Friaul-Aktivitäten im Jahre 1976. Es dürfte sein Epizentrum in Tolmein-Laibach gehabt haben und war ein zerstörendes Erdbeben, das u. a. auch in der Schweiz, in Bayern, Böhmen und Mähren registriert wurde. Es sind davon insgesamt 16 Nachbeben überliefert. Davon fand das stärkste Nachbeben am 1511-08-08 (also wie 1976 ca. 4 Monate später) statt. (Diese Nachricht verdanke ich Dr. Wolfgang Lenhardt, brieflich 1985)

Aber zurück zu den seismischen Meßgeräten an der Sternwarte: Am 20. September 1897 wurde von der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften an die Sternwarte die Anfrage gestellt, ob sie ein Ehlert'sches Seismometer übernehmen und betreiben wolle. Schon Ende September 1897 wurde im Keller an der SE-Seite mit den Adaptierungsarbeiten begonnen. Der Keller wurde geteilt. Man verwendete den einen Teil für die Seismik, den anderen für die erdmagnetischen Variationsapparte. Am 25. Februar 1898 traf dann der von Bosch in Straßburg gelieferte Ehlert'sche Seismograph, bestehend aus Pendelapparat und Registrierapparat ein. Der Pendelapparat enthält drei Horizontalpendel, jedes mit einem Hohlspiegel versehen. Die Registrierung erfolgte auf optischen Weg. Das ist bei den geringen Pendelmassen von Horziontalpendel der damals einzig gangbare Weg. Man bediente sich eines Lichtstrahls, den eine Lampe, die man bei uns auf Petroleum-Betrieb umbaute, aussendet. Dieser wird von den Hohlspiegeln auf eine mit Photopapier bespannten Trommel geworfen. Die Trommel wird von einem Uhrwerk in Rotation gehaltenen. Ihr Durchmesser betrug etwa 34.7 cm, die Rotationsgeschwindigkeit eine Umdrehung pro Tag. Die Aufzeichnungsstrecke für eine Stunde ist also ungefähr 47 mm. Diese optische Registrierung machte es notwendig, die Apperatur abgedunkelt zu betreiben und die Streifen jedesmal zu entwickeln und zu fixieren. Der ca. 19 cm breite Streifen wurde zweimal in gleicher, zweimal in unterschiedlicher Richtung aufgelegt, damit konnte man die Kosten ein wenig verringern. Jeder Steifen enthält nun die Seismogramme zweier aufeinanderfolgender Tage wobei man den Streifenwechsel um 17 Uhr vornahm. Der erste Streifen, der im Archiv vorhanden ist, stammt vom 23. Dezember 1898, der letzte vom 27. Dezember 1908. Die seismographischen Messungen wurde dann erst wieder nach dem Zweiten Weltkrieg mit einem Conrad-Pendel aufgenommen.

Seismogramm
Seismogramm: 1906-04-18
Kremsmünster ist somit im heutigen Österreich die älteste Seismographenstation. Mit diesem Gerät stand nun ein sehr empfindlicher Seismograph zur Verfügung, mit dem auch in Kremsmünster das große Beben von San Franciso vom 18. April 1906 registriert wurde.


Quellen und Literatur:

CONRAD, V. 1910: Ein einfaches Instrument für seismische Stationen in habituellen Stossgebieten, in: Beiträge zur Geophysik. Zeitschrift für physikalische Erdkunde, Bd. X, Leipzig, 157-180, Tafel XXIV

CONRAD, V. 1912: Ein einfaches Instrument für seismische Stationen in habituellen Stossgebieten, Beiträge zur Geophysik. Zeitschrift für physikalische Erdkunde, Bd. XII, Leipzig, 41-42, Tafel IV

EHLERT, R. 1898: Horizontalpendelbeobachtungen im Meridian zu Strassburg i. E. [Anhang: Vorschlag zu einem neuen Pendelapparat], in: Beiträge zur Geophysik. Zeitschrift für physikalische Erdkunde, Bd. III, Leipzig, 209-215

EHLERT, R. 1898: Das dreifache Horizontalpendel, in: Beiträge zur Geophysik. Zeitschrift für physikalische Erdkunde, Bd. III, Leipzig, 481-494

HECKER, O. (Hsg.) 1914: Fürst B Galitzin Vorlesungen über Seismometrie. Dt. Bearbeitung unter Mitwirkung von Clara Reinfeldt, Leipzig – Berlin

Jahrbücher der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik, Jg. 1958, NF, 95. Bd. ZAMG Publikation Nr. 173, Wien 1959

KRAML, P. Amand 2001: Die Erdbebenbeobachtungen in Kremsmünster, in: Naturwissenschaftliche Sammlungen Kremsmünster. Berichte des Anselm Desing Vereins Nr. 42, Mai 2001, Kremsmünster, 3-22

KRAML, P. Amand 2001: Geschichte der Wetterbeobachtung in Kremsmünster, Festvortrag anläßlich der Jahresversammlung der Österreichischen Gesellschaft für Meteorologie, ÖGM-bulletin 2001/1, Wien, 4-10

KRAML, P. Amand 2012: 250 Jahre Wetterbeobachtung an der Sternwarte Kremsmünster, in: Öffentliches Stiftsgymnasium Kremsmünster, 155. Jahresbericht, 33-44

PFAUNDLER, L. 1897: Über einen Erdbeben-Registrator mit elektrisch-photographischer Aufzeichnung des Zeitmomentes des Stosses, in: Sitzungsberichte der Mathem.-naturw. Classe der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, CVI. Band, Abth. II.a, 551-561

RABENALT, P. Ansgar 1958: Geschichte der Sternwarte von Kremsmünster, in: 101. Jahresbericht Schuljahr 1958, Öffentl. Gymnasium der Benediktiner zu Kremsmünster, Wels, 7-27

SCHWAB, P. Franz 1900: Mittheilungen der Erdbeben-Commission der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften Wien. XV, Bericht über Erdbebenbeobachtungen in Kremsmünster, in: Sitzungsberichte der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien, Mathem.-naturw. Classe, Bd. CIX, Abth. I. Februar 1900, 19-69

SCHWAB, P. Franz 1901: Mittheilungen der Erdbeben-Commission der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften Wien. Neue Folge IV, Bericht über Erdbebenbeobachtung in Kremsmünster im Jahre 1900, Wien

SCHWAB, P. Franz 1902: Mittheilungen der Erdbeben-Commission der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften Wien. Neue Folge XII, Bericht über Erdbebenbeobachtung in Kremsmünster im Jahre 1901, Wien

SCHWAB, P. Franz 1903: Mittheilungen der Erdbeben-Commission der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften Wien. Neue Folge XXI, Bericht über Erdbebenbeobachtung in Kremsmünster im Jahre 1902, Wien

SCHWAB, P. Franz 1904: Mittheilungen der Erdbeben-Commission der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften Wien. Neue Folge XXVI, Bericht über Erdbebenbeobachtung in Kremsmünster im Jahre 1903, Wien

SCHWAB, P. Franz 1908: Erdbeben-Beobachtung in Kremsmünster, in: Jahresbericht des Vereines Museum Francisco-Carolinum, Linz

SCHWARZENBRUNNER, P. Bonifaz 1826: Erdbeben am Ostertag 1826, Bürgerblatt 1826, Linz

SIEBERG, August 1904: Handbuch der Erdbebenkunde, Braunschweig


Eine kurze Übersicht zur Geschichte der meteorologischen und geophysikalischen Beobachtungen an der Sternwarte finden Sie auf der Seite zum Objekt des Monats Februar 2002, einen umfangreicheren Beitrag finden Sie auf einer eigenen Internetseite.

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(c) P. Amand Kraml, 2001-12-29
Letzte Änderung: 2012-06-26