Objekt des Monats

aus dem Museum der Sternwarte Kremsmünster

Februar 2020


Tellurium

Tellurium und Lunarium von Gustav Grimm, Nr. 86, Globus von Eduard Selss
Inv. Nr.: 17090928
Höhe : 55 cm, Länge des Auslegers: 70 cm, Durchmesser der Standfläche: 54 cm
Foto: P. Amand Kraml


Tellurium und Lunarium von Gustav Grimm

Prospekt
H. Kanitz. PROSPECTUS. Gera.
Tellurium und Lunarium
construirt von Gustav Grimm.






Mechanismus zur anschaulichen Erklärung der Bewegungen der
Erde um ihre eigene Axe und um die Sonne, des Mondes in
den Sternbildern des Thierkreises, der Sonnen= und Mondfin
sternisse, so wie aller Mondphasen, des Wechsels der Jahreszei=
ten, Ab= und Zunehmens der Tage, der Ursachen von Ebbe und
Fluth ec.

Gera, bei Hermann Kanitz

Preis: 18 Rthlr. pr. C. - 27 fl. Conv.=M. - 32 fl. rhein. baar.
Der Prospekt von Hermann Kanitz beschreibt etwas umständlich den Bau und die Funktion dieses Telluriums:

Unter den Lehrgegenständen, die zu einer Hauptaufgabe unserer Zeit geworden sind, nehmen die Naturwissenschaften den ersten Rang ein; keine Lehranstalt darf heute auf das Prädikat „gut“ Anspruch machen, wenn sie ihre Schüler nicht Gelegenheit und Mittel an die Hand gibt, sich selbst klar zu werden über die Erscheinungen der Natur.
Diese Erscheinungen, von der Bildung der kleinsten Pflanze bis zu der Construktion des Weltsystems, sind alle großartig und wunderbar, alle führen zu der Erkenntniß der Weisheit und Allmacht der Gottheit; aber von allen Schöpfungswundern veranlassen und verdienen solche zuerst eine Erforschung, welche täglich, aber immer in anderer Gestalt wiederkehren und als Grund einer Menge anderer Erscheinungen sich erwiesen haben, die auf unsern Weltkörper und unser Leben einen directen Einfluß üben, als Aufgang und Untergang der Sonne, die verschiedenen Phasen des Mondes, die Abwechslung der Jahreszeiten und Tageslängen ec. Jeder Mensch, der da anfängt zu denken, ahnt, daß hier das Geheimniß noch anderer Wirkungen, die sich vor seinem Auge entfalten, verborgen liegen und verlangt darüber Aufklärung.
Die Mathematik, diese Wissenschaft des Himmels, welche in die Tiefen der göttlichen Schöpfung eindringt, hat uns diese Aufklärung gegeben, die die Basis aller Lehren der mathematischen Geographie und Astronomie bildet; auf ihr beruht zugleich die Erklärung des Klima‘s, der Vegetation, der Ebbe und Fluth ec.
Ist es nun Pflicht jeder Lehranstalt, die Erkenntniß der Natur und ihrer Wunder so viel wie möglich zu erleichtern, so wird hier zur Erfüllung dieser Pflicht in einem Kunstapparat ein Mittel geboten, das früher nur mit bedeutenden Geldopfern und trotzdem meist unvollkommen anzuschaffen war, während es jetzt für einen Preis zu erwerben ist, den jede Schule, jeder Direktor einer Lehranstalt erschwingen kann, um so mehr, als unser Apparat bis jetzt in seiner Einfachheit und doch auch Vollkommenheit noch unübertroffen dasteht.
Um den Zweck und Gebrauch unserer Tellurien anschaulicher zu machen für solche, die ein Exemplar noch nicht sahen, geben wir eine genaue Erklärung der umstehenden Abbildung der Maschine.

Die Maschine selbst hält 33 Zoll sächs. in der Höhe und 33 Zoll sächs. in der Länge.

Globus

Globus von Eduard Selss
Die Montierung des Mondes entspricht nicht mehr dem Originalzustand

Foto: P. Amand Kraml

Zwischen den Füßen befindet sich eine Kurbel, durch deren einfache Umdrehung von rechts vorwärts nach links das ganze Räderwerk in Bewegung gesetzt wird.
S bedeutet die Sonne, die hier durch das conzentrirte Licht einer Lampe dargestellt wird.
E die Erde, die durch einmalige Umdrehung der Kurbel den Lauf um ihre eigene Axe vollendet, womit zugleich auf
R, dem Stundenring mit 24 Stunden, genau die Stunde des Tages und der Nacht durch den Zeiger angegeben wird.
M der Mond, der durch 29 191/382 Umdrehungen der Kurbel (synodische Bahn 29 Tage 12 Stunden 44 Minuten) seinen Lauf um die Erde vollendet. Auf der Abbildung steht der Mond in der Conjunction und an dem höchsten Punkt seiner Ellipsenbahn. Durch Verlängerung und Verkürzung der obern Feder, jenachdem die über dem Stundenring R sich drehende Kurbel sich vorneigt oder zurückzieht, sinkt der Mond durch seine eigene Schwere an der untern Feder herab oder steigt an ihr empor. Durch die fortwährend, wenn auch unmerklich, sich verändernde Stellung des Mittelpunktes der Mondbahn wird die Ellipse erreicht. T die Scheibe des Thierkreises (Ekliptik) mit den Monaten und Tagen. Auf ihr bewegt sich ein Halbmesser (Zeiger) bei jeder Kurbeldrehung um einen Tag vorwärts, er giebt, vom Gesichtspunkte der Erde aus gedacht, den Standpunkt der Sonne in dem betreffenden Sternbild und zugleich den Kalendertag der verschiedenen Stellung der drei Weltkörper, Sonne, Erde und Mond gegeneinander an.
Gleichzeitig mit dem Zeiger des Thierkreises, nur in entgegengesetzter Richtung, geht der Meridian der Erde (R...E), in dessen Endpunkten die Erde um ihre Axe sich dreht, jeden Tag einen Schritt von links vorwärts nach rechts, so daß die Erde ihre Stellung der Sonne gegenüber insofern allmälig verändert, daß sie im Juni den Nordpol und die ihm umgebende Erdoberfläche, im December dagegen den Südpol der Sonne am meisten zukehrt, und so den Wechsel der Tageslänge und der Jahreszeiten bedingt.
a...b der Radius der Kreisbahn der Erde, dessen Anfangspunkt a sich um seine Axe bewegt, während der Endpunkt b durch 365malige Umdrehung der Kurbel mit der ihn sich drehenden Erde den Jahreskreislauf um die Sonne vollendet.
Es ist mithin möglich, durch den Mechanismus unserer Maschine den Kreislauf der Erde um die Sonne, des Mondes um die Erde, sämmtliche Mondphasen, Sonnen= und Mondfinsternisse, Wachsen und Abnehmen der Tage, Wechsel der Jahreszeiten und Ursachen von Ebbe und Fluth, alles genau mit dem Kalender übereinstimmend, so wahr darzustellen und anschaulich zu machen, wie es eine bloße mündliche Erklärung, selbst mit den besten Zeichnungen auch nur entfernt nicht im Stande ist.
Jedes Exemplar unserer Maschine ist dauerhaft und solid gearbeitet (keine Fabrikarbeit), das Räderwerk von Messing und die ganze Ausstattung elegant. - Das Tellurium kann auf jeden Tisch gestellt werden, und bedarf es nur etwas reines Oel für die Sonnenlampe, um es sofort in genügenden Gebrauch zu nehmen.
Um die Anschaffung jeder Schule, ja jedem wohlhabenden Privatmanne möglich zu machen, haben wir den Preis auf nur 18 Rthlr. pr. C. oder 27 fl. Conv.=M. oder 32 fl. rhein. festgestellt.
Baarzahlung ist bedingt.
Für gute Verpackung wird Sorge getragen, dieselbe jedoch besonders mit 25 S gr. für Kiste und Embellage berechnet. Gewicht der Maschine mit Kiste circa 20 Pfund.
Es versteht sich von selbst, daß die Buchhandlungen, welche sich der gefälligen Besorgung unterziehen, eine kleine Provission für ihre Mühe und für Fracht berechnen.
Bei directer Bestellung wird um gefällige frankirte Einsendung des Betrags nebst Verpackungskosten gebeten.
Gera. Hermann Kanitz.
(KANITZ, 2-3)

Beschriftung

DEBIT VON H. KANITZ IN GERA
Foto: P. Amand Kraml

Beschriftung

No. 86, G. GRIMM in KOESTRITZ
Foto: P. Amand Kraml

Dieser Beschreibung folgen eine Reihe von Empfehlungen, die alle auf das Jahr 1851 datiert sind. Laut Fellöcker wurde das Tellurium 1852 von P. Gregor Haslberger um 32. fl. gekauft. In der alten Kartei der Physikalischen Apparate von P. Richard Rankl wird eine Kerze als Sonne genannt. Man hat hier also wohl die urprüngliche Öllampe durch eine Kerze ersetzt. Die Montage des Mondes ist in der alten Form nicht mehr erhalten.


Quellen und Literatur:

FELLÖCKER, P. Sigmund 1871: Catalog des physikalischen Cabinetes zum Schlusse des Schuljahrs 1871. Manuskript, Direktions-Archiv der Sternwarte

KANITZ, H. o. J.: Prospectus. Tellurium und Lunarium construirt von Gustav Grimm, Gera

SIHORSCH, P. Daniel 1997: Die Globensammlung der Sternwarte Kremsmünster, Naturwissenschaftliche Sammlungen. Berichte des Anselm Desing Vereins, Kremsmünster



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(c) P. Amand Kraml 2020-04-07
Letzte Änderung: 2020-04-10