Objekt des Monats

aus dem Museum der Sternwarte Kremsmünster

November 2020


Ölgemälde P. Sigmund Fellöcker darstellend, Maler unbekannt
auf dem Tischchen daneben: Foto-Objektiv, Tangentenbussole, Kristallmodell und elektr. Element
Öl auf Leinwand, 118 x 97 cm mit Rahmen, Inv.-Nr. 20120701
Foto: P. Amand Kraml


Eine Physikstunde in der Sternwarte - beschrieben von Franz Keim

Der Schriftsteller Franz Keim (1810-1918) besuchte das Kremsmünsterer Gymnasium von 1852-1860. In seinen Erinnerungen an die Schulzeit schildert er auch - nicht gerade schmeichelhaft - eine Demonstration mit dem Sonnenmikroskop im Physikalischen Kabinett der Sternwarte durch P. Sigmund Fellöcker.

Und nun folge das geistige und leibliche Gegenbild Bedas [P. Beda Piringer].
Ein untersetztes, wohlbeleibtes Männchen, zuckend und nervös im Gesicht, mit einer blechernen, schnarrenden Stimme, ewig schwankend zwischen halber Verlegenheit und plötzlich ausbrechendem Zorn, immer in Angst um seine Autorität, aber auch maßlos in Rache, so steht Siegmund Fellöcker, der Physiker, dessen Lehrbuch wir büffeln mussten, unauslöschlich in meiner Erinnerung. Er trug den Spitznamen »der Bauch«. Wie oft er sich an meinen langen Haaren vergriff, wenn er mich in der Zwischenpause außerhalb der Schulbank traf, habe ich glücklich vergessen.
Seine Aufgabe war es, uns zu physikalischen Experimenten in den hiezu eingerichteten altberühmten astronomischen (oder, wie er im Volksmund hieß) mathematischen Turm zu führen. Die Stunde, in der er das Sonnenmikroskop zur Darstellung zu bringen pflegte, war für ihn die gefährlichste Probe seiner Autorität, für seine Schüler die süßeste Rache für unwürdige Behandlung. Im Hochpunkte dieses, bei verschlossenen Fensterladen in schwärzester Dunkelheit sich vollziehenden Experimentes kam - wenn auch ohne Schaden - sein nicht allzu sehr beliebtes Bäuchlein in ängstliche Bedrängnis. Wieso? Wird man fragen. Versetzen wir uns also in jene denkwürdige Lehrstunde hinein. Am oberen, schmalen Ende einer langen Tafel, deren Längsseiten beiderseits von den Schülern in dichter Reihe umstellt sind, steht der Professor, das Gesicht gegen die Tafel, den Rücken gegen das hohe Turmfenster gekehrt; neben ihm, als hilfreicher Famulus, der dienstbeflissene »chemische Josef«.
Die blecherne Stimme ruft scharf und fast drohend, während er an die Brille greift und mit der Oberlippe nervöse Zuckungen vollzieht: »Also, jetzt aufpassen und ordentlich achtgeben! Wo stehen Sie denn schon wieder, Keim? — Josef! Schließen Sie die Fensterbalken! - Ich werde durch diese Lichtritze des Fensters einen Floh und eine Laus vergrößert an die gegenüberliegende Wand projizieren.«
Nochmals warf er einen funkelnden Orientierungsblick auf die Reihen der Schüler rechts und links. Alle standen so fest und ruhig da, jeder an seinem Platz, wie eine Mauer. Der chemische Josef schloss gehorsam die massiven, schweren Fensterladen. Ägyptische Finsternis erfüllte den hohen Raum, sodass keiner seinen nächsten Nachbar erblicken konnte. Nur eine schmale Ritze, dort, wo sich der Floh und die Laus im Fensterladen auf Glas eingestellt befanden, ließ von draußen einen hellen Strahl des Sonnenlichts herein gegen die bezeichnete Stelle hin und malte das gewaltig vergrößerte Bild des Flohes und der Laus gleich Lindwürmern an die Wand. Eine Zauberei, die uns alle für wenige Minuten fesselte und regungslos zusammenhielt. Aber die Häupter der Verschwörung wollten den günstigen Augenblick nicht gänzlich ungenützt vorüberziehen lassen. Von den beiden Enden her rückten sich, wie auf Kommando, die beiderseitigen Reihen, erst kaum um Fußesbreite, dann um einen halben Schritt gegen den Platz des Professors zusammen. Ein Drängen, wieder ein Ruck, halb freiwillig, halb unfreiwillig, jetzt ein Druck und die gellende, zornängstliche Stimme des gequetschten Professors rief befehlend: »Josef! Die Laden auf! Licht!« Der im Dunkeln selbst bedrängte Josef sprang zu Hilfe, riss die Holzladen auf und helles Licht erfüllte den Raum. Alles stand festgenagelt an seinem Platz, nur der Physikus fuchtelte, ergrimmt über die Ellenbogen, die im Dunkeln sein würdiges Bäuchlein nur ganz zufällig berührt hatten. Es hat sich die Sage gebildet, dass dieses seltsame Experiment oft zwei- bis dreimal durch den Schlachtruf: »Josef, Licht!« unterbrochen werden musste. Niemals aber ist es vorgekommen, dass ein Mensch mit Bestimmtheit schuldig gesprochen werden konnte. Alle Schuld hatte offenbar - nur das Sonnenmikroskop. Mit der Wissenschaft ist nicht zu spaßen! -
(KEIM, 29-31)

Aus den Programmen des Gymnasiums lassen sich für die Schuljahre Keims die Lehrinhalte und seine Professoren in den Fächern der Naturgeschichte und Physik (im Untergymnasium) und den Naturwissenschaften (im Obergymnasium) gut zusammenstellen.

1852/53 - 1. Klasse
2 Stunden Zoologie. 1. Semester: Säugethiere, 2. Semester: Vögel, Amphibien und Fische nach schriftlichen Mittheilungen, denen die Handbücher von Lüben und Schwaab zu Grunde liegen, und Benützung des Zonengemäldes.
Lehrer Columban Fruhwirth

1853/54 - 2. Klasse
2 Stunden, 1. Semester: Zoologie der Krustazeen, Arachniden, Insekten u. s. w. wie nach schriftlichen Mittheilungen, denen die Handbücher von Lüben und Schwaab zu Grunde liegen, und mit Benützung des Zonengemäldes
2. Semester: Botanik nach A. Pokorny's Naturgeschichte des Pflanzenreichs
Lehrer: Columban Fruhwirth

1854/55 - 3. Klasse
Im 1. Semester: 2 Stunden, im 2. Semester: 3 Stunden
1. Semester: Mineralogie nach dem vom Lehrer selbst verfaßten Handbuche "Anfangsgründe, der Mineralogie für Untergymnasien".
2. Semester: Physik. Eigenschaften und Veränderungen der Körper, Wirkungen der Molekularkräfte, Gleichgewicht der festen, tropfbaren und gasförmigen Körper.
Lehrbuch: Jakob Schabus' Anfangsgründe der Naturlehre.
Lehrer in Mineralogie und Physik: Sigmund Fellöcker

1855/56 - 4. Klasse
3 Stunden Physik. Bewegung der festen und flüssigen Körper, Magnetismus, Elektrizität, Schall, Licht, Wärme und die Hauptlehren der Astronomie, physischen Geographie und Meteorologie.
Lehrbuch: Jakob Schabus' Anfangsgründe der Naturlehre,
Lehrer: Sigmund Fellöcker.

1856/57 - 5. Klasse
2 Stunden Systematische Naturgeschichte. 1. Semester: Systematische Mineralogie in Verbindung mit Geognosie nach dem vom Lehrer selbst bearbeiteten Leitfaden der Mineralogie und Geognosie.
Lehrer: Sigmund Fellöcker
2. Semester: Systematische Botanik mit Paläontologie und geographischer Verbreitung der Pflanzen nach Dr. G. Bill's Botanik
Lehrer: Gotthard Hofstädter

1857/58 - 6. Klasse
2 Stunden Systematische Naturgeschichte. 1. und 2. Semester: Systematische Zoologie in enger Verbindung mit Paläontologie und geographischer Verbreitung der Thiere nach Dr. Schmarda's Lehrbuch
Lehrer: Gotthard Hofstädter

1858/59 - 7. Klasse
3 Stunden Physik
1. Semester: Eigenschaften und Unterschiede der Körper, Statik der Wärme, das Wichtigste der Chemie.
2. Semester: Mechanik, Wellenlehre, Akustik.
Lehrbuch: Dr. A. Ritter von Ettingshausen's Physik, 3. Auflage
Lehrer: Sigmund Fellöcker

1859/60 - 8. Klasse
3 Stunden Physik. 1. Semester: Magnetismus, Elektrizität und Astronomie.
2. Semester: Optik und Dynamik der Wärme. Die meteorologischen Partien wurden bei den betreffenden Naturgesetzen eingeschaltet
Lehrbuch: Dr. A. Ritter von Ettingshausen's Physik, 3. Auflage.
Lehrer: Sigmund Fellöcker


Quellen und Literatur:

BILL, Georg J. 1854: Grundriß der Botanik für Schulen, Wien

ETTINGSHAUSEN, Andreas v. 1853: Anfangsgründe der Physik. 3. Aufl. Mit 144 Holzschnitten, Wien

FELLÖCKER, P. Sigmund 1853: Anfangsgründe der Mineralogie. Für Unter-Gymnasien und Unter-Realschulen, Wien

FELLÖCKER, P. Sigmund 1857: Leitfaden der Mineralogie und Geognosie. Für Ober-Gymnasien, Wien

KEIM, Franz 1912: Aus dem Bilderbuch meines Lebens , Gesammelte Werke, Bd. 1, München

LÜBEN, August 1848: Vollständige Naturgeschichte der Säugethiere, Eilenburg

POKORNY, Alois 1852: Naturgeschichte des Pflanzenreiches für die k. k. österreichischen Unter-Gymnasien und Unter- Realschulen, Wien

Programm des kaiserl. königl. akademischen Gymnasiums zu Kremsmünster für das Schuljahr 1853, Linz 1853

Programm des kaiserl. königl. akademischen Gymnasiums zu Kremsmünster für das Schuljahr 1854, Linz 1854

Programm des kaiserl. königl. akademischen Gymnasiums zu Kremsmünster für das Schuljahr 1855, Linz 1855

Programm des kaiserl. königl. Gymnasiums zu Kremsmünster für das Schuljahr 1856, Linz 1856

Programm des kaiserl. königl. Gymnasiums zu Kremsmünster für das Schuljahr 1857, Linz 1857

Programm des kaiserl. königl. Gymnasiums zu Kremsmünster für das Schuljahr 1858, Linz 1858

Programm des kaiserl. königl. Gymnasiums zu Kremsmünster für das Schuljahr 1859, Linz 1859

Programm des kaiserl. königl. Gymnasiums zu Kremsmünster für das Schuljahr 1860, Linz 1860

SCHABUS, Jakob 1854: Leichtfaßliche Anfangsgründe der Naturlehre. Zum Gebrauche an Unter-Realschulen und Unter-Gymnasien, 2. Aufl. Wien

SCHEUERMANN, Emanuel 1837: Zonengemälde oder Darstellung der jedem Himmelsstriche eigenthümlichen organischen Naturgeschöpfe. Siebenhundert Abbildungen der merkwürdigsten Menschengattungen, Thiere, Pflanzen und Gegenden der Erde, Zürich

SCHMARDA, Ludwig K. 1853: Grundzüge der Zoologie Zum Gebrauche an den k. k. Ober-Gymnasien, Wien

SCHWAAB, Wilhelm 1845: Die zweite Stufe des naturgeschichtlichen Unterrichts. Ein Leitfaden für Gewerbschulen, Gymnasien und Realschulen, Kassel



Zurück zur Homepage
Objekte früherer Monate

(c) P. Amand Kraml 2020-11-11
Letzte Änderung: 2020-11-22