aus dem Museum der Sternwarte Kremsmünster
Februar 2022
Foto: P. Amand Kraml (202304182305)
Foto: P. Amand Kraml (202304182312)
Foto: P. Amand Kraml (202304182324)
Foto: P. Amand Kraml (202304182326)
Foto: P. Amand Kraml (202304182350)
Über die Mikrofotografie trat bald auch in Österreich allgemeines Staunen ein.
Die Wiener Zeitung bespricht in ihrer Ausgabe vom 21. Februar 1858 recht eingehend diese neue Kuriosität.
So schreibt ein Redakteur: Vor längerer Zeit las man in den Zeitungen, daß in London Porträte erzeugt würden,
welche erst unter dem Mikroskope angesehen die Größe eines gewöhnlichen Bildes erhalten.
Wenn man die Feinheit der photographischen Bilder kennt, so scheint diese Thatsache nicht besonders
überraschend, nachdem man aber einmal ein solches Bild wirklich betrachtet hat, übertrifft es dennoch
die Erwartungen, die man sich gemacht hat. Diese Bilder haben eine solche Zartheit und Nüancirung in den
Tönen, daß man allsogleich erkennt, es müsse die Photographische Behandlung eine ganz andere sein, als bei den
gewöhnlichen Glasphotographien. Die Bilder haben ungefähr die Größe eines Hirsekorns, und doch zeichnen
sich z. B. bei einem Grabsteine Hunderte von Buchstaben daraus ab, die man durch das Mikroskop wie eine
gewöhnliche Buchschrift zu lesen im Stande ist. Auf einer Quadratlinie befindet sich eine Gruppe von
sieben Personen abgezeichnet, die im Mikroskope uns mit Porträtähnlichkeit ansehen.
Bei der Kopie eines Kupferstiches in geschabter Manier sieht man jeden einzelnen Punkt
der Zeichnung. Wir Menschen sind nun einmal derart, daß auf unser Gemüth das Mysteriöse mehr Eindruck
macht, als das wirklich Erhabene, das wir täglich zu sehen gewohnt sind; diese Bildchen werden allgemein
mit Staunen und Bewunderung gesehen und sie werden in nächster Zukunft in der physique amusante eine
bedeutende Stelle einnehmen. Aber auch wissenschaftliches Interesse gewähren diese Bilder von Seite der
photographischen Methode in ihrer Erzeugung, und Hislop, der diese Bilder gemacht hat, sagt ausdrücklich,
daß nicht jedes Kollodium dazu tauglich sei, er wisse aber noch nicht warum, sondern er versuche ein Kollodium nach
dem andern, bis er ein taugliches finde, indem sehr häufig das Bild wie mit einem Spitzenschleier überzogen ist.
Es dürfte das Studium des Kollodiums durch diese Bilder in eine neue Phase treten. Wir wollen nun kurz die
Art und Weise angeben, wie derlei Bilder gemacht werden. Man läßt sich eine Mignon-Camera obscura machen,
deren Objektiv aus den Objektivlinsen eines Mikroskopes besteht, rückwärts ist die kleine Kassette so
angebracht, daß man ein Mikroskopgläschen einlegen kann; man präparirt dieses Gläschen auf gewöhnliche Weise, doch
wahrscheinlich mit sehr verdünnten Flüssigkeiten und kopirt nun mit dieser kleinen Camera ein negatives
Glasbild im durchgelassenen Lichte, fixirt auf gewöhnliche Weise und gibt dann einen Tropfen Canada-Balsam und
ein gewöhnliches mikroskopisches Deckgläschen darauf. Rospini, der so viel für die Verbreitung der
Stereoskopbilder in Oesterreich gethan, hatte auch diese Mikrophotographien so weit mir bekannt,
zuerst hier eingeführt und wird sie wahrscheinlich Freitag den 26. d. M. im Nied. Oesterr. Gewerbe-Verein
vorzeigen. Es bilden diese kleinen Kunsterzeugnisse einen recht passenden Anhang zu seiner Stereoskop -
Bildersammlung, die er in neuester Zeit durch Bilder aus Rußland, namentlich Petersburg und Moskau,
vermehrt hat. Der Kreml und die große Glocke desselben sind wahre Glanzpunkte der Photographie.
(Wiener Zeitung, 546)
> Panorama von Innsbruck. <
Das erstemal zu sehen: Die Mikrophotographie.
Die kleinste Schriftcopie der Welt. Ein ganzes "Vater unser" in
einem so kleinen Raum wie ein Nadelöhr, welches bei 3000maliger Ver-
größerung unter dem Mikroskop so klar und deutlich wie schönste Druck-
schrift zu lesen ist. - Ohne es gesehen zu haben nicht glaublich.
Innsbrucker Nachrichten, Nr. 67, 587
Offenbar sind zu dieser Zeit Mikrofotografien wahre Attraktionen. So kann man im
Wiener Aquariensalon nicht nur die Zunge einer Schnecke beobachten. Es werden Besucher angelockt,
die über die winzigen Fotografien unter dem Mikroskop zum Staunen gebracht werden sollen.
Ebendaselbst sind die Makro-Mikrophotographien aufgestellt. Diese neueste Erfindung
ist über den Kanal uns zugeschickt worden. Auf kleinen fein geschliffenen Glasscheiben
erblickt man Punkte in der Größe eines Stecknadelkopfes. Werden diese Punkte nun unter das
Mikroskop gebracht, so erblickt man darin die herrlichsten Bilder, sie enthalten
ganze Familiengruppen, ornamentale und landschaftliche Ansichten. Das Wunderbarste
dieser Bilder bleibt jedoch die Abbildung einer Tausend-Pfund-Note, bei welcher
man nicht nur die Schrift, sondern jede noch so kleine Verzierung vollkommen klar
und deutlich erblickt. Aus dem Mikroskop herausgenommen, sieht man mit freiem Auge
kaum den Punkt auf der Glastafel, auf dem das photographische Mignonbild fest
gestellt ist. Jeden Freund der Natur und ihrer Wunder wird dieser reich dotirte
Salon gewiß auf lange Zeit fesseln. (ZWISCHEN-AKT, 1-2)
Die Popularität der Mikrofotografie trieb auch so manche seltsame Blüte.
So wurde als Damenspende am Medizinerball 1865 ein Augenspiegel verteilt,
an dessen Öffnung eine Mikrofotografie mit dem Stanhope [= Vergrößerungsvorrichtung für Mikrofotos] angebracht ist
und das zeigt das Bild eines der Koryphäen unserer medicinischen Facultät. (SCHRANK, 84)
Betrachtete man diese Mikrofotografien zuerst als Kuriosität, so änderte sich die Sichtweise, als man
draufkam, wie nützlich sie für kriegerische Zwecke in der Aufkärung und Spionage eingesetzt werden konnte.
Zu was für Dingen ließe sich diese Photographir-Methode nicht benutzen?
Im Kriege hätten die ausführlichsten Weisungen in einem Knopf
oder im Kopf eines Bleistifthalters Platz, und der General oder Kriegsminister bedürfte
blos eines Vergrößerungsglases, und würde sich die Verwendung von Spionen und das Aufhängen von Leuten
ersparen; die gesammten Archive eines Staates ließen sich in eine Schnupftabakdose packen.
Hätte man die Kunst zu Zeiten Omars gekannt, so wäre die Verbrennung der Alexandrinischen Bibliothek
kein unwiederbringlicher Verlust gewesen. (Aus The Photographic News, wiedergegeben in: Die Presse, 33)
ANONYMUS 1858: Mikrophotographien, in: Wiener Zeitung, Nr. 42, 1858, 21. Februar, Wien
ANONYMUS 1859: Die Mikrophotographie, in: Die Presse, 12. Jg. Nr. 33, 11. Februar, Wien
ANONYMUS 1861: Wiener Plaudereien in: Der Zwischen-Akt, 4. Jg. 5. Mai 1861, Nr. 116, Wien
JARDINE, Boris 2006: A collection of John Benjamin Dancer microphotographs, Explore Whipple Collections, Whipple Museum of the History of Science, University of Cambridge
SCHRANK, Ludwig 1865: Photographische Correspondenz. Technische, artistische und commerzielle Mittheilungen aus dem Gebiete der Photographie unter Mitwirkung der hervorragendsten Fachmänner, II. Bd. Jänner-Dezember 1865, Nr. 7-18, Wien
WINSBY, Roy 1990: Micscape hall of fame. John Benjamin Dancer (1812-1887), in: Newsletter of The Manchester Microscopical Society No. 15, Manchester
WINSBY, Roy 1993: The microphotograph slides of John B. Dancer and Richard Suter, in: Newsletter of The Manchester Microscopical Socienty - No. 26, Machester
Eine Liste von Präparaten findet man auf der Internetseite von Whipple Museum of the Histroy of Science,
List of Microscopic Photographs preared by J. B. Danger, Optician, 43, Cross Street, Manchester
https://www.whipplemuseum.cam.ac.uk/file/3944dancerslidesjpg [abgerufen: 2025-07-16]