Lochaxt aus Steinbach am Ziehberg
Antigorit-Serpentin, 12 x 6 x 5 cm (L x B x H)
Foto: P. Amand Kraml (202505220568)
Neolithische Lochaxt aus Steinbach am Ziehberg
Ein Werkzeug fürs Leben - das hört man manchmal und wahrscheinlich
immer seltener. Ein Werkzeug, das sich ein Handwerker zulegte und das
er seine ganze Berufstätigkeit lang verwenden konnte, das ist heute
eine Seltenheit und zumindest von den Erzeugern her gar nicht mehr
gefragt. Mein Vater hatte als Schneidermeister seine Nähmaschine 50 Jahre in Verwendung.
Da kann man schon von einem nachhaltigen Werkzeug sprechen.
Im Vergleich zu unserem Objekt des Monats ist das aber keine Besonderheit.
Wenn man liest, dass unsere Lochaxt angeblich noch bis 1903 bei der
Arbeit an Mostfässern in Verwendung stand, (URBAN, 21) dann sind die
50 Jahre der Verwendungszeit von meines Vaters Nähmaschine eher mit
einem Wimpernschlag zu vergleichen.
Diese Lochaxt aus Antigorit-Serpentin kam im Schuljahr 1903/04 aus
einem Bauernhaus in Steinbach am Ziehberg nach Kremsmünster.
Oberlehrer Hopfensberger hat sie offenbar an P. Sebastian Mayr, damals Kustos des
Kunst- und Antikenkabinettes, gegeben. (ANGERER, 1910, 60)
Von dem erhielt sie dann die damals neu errichtete Prähistorische Sammlung der Sternwarte,
wie P. Leonhard Angerer im Program des Gymnasiums anführt. (ANGERER, 1904, 24)
Die Übergabe der Lochaxt aus Steinbach am Ziehberg durch den Oberlehrer Hopfensberger
an das Stift Kremsmünster fällt genau in die Zeit der Errichtung der Antropologischen
Sammlungen in der Sternwarte. P. Leonhard Angerer berichtet von diesem Sammlungs-Start
in seinem Tagebuch. Leider ist unser Objekt darin nicht erwähnt.
Anthropologisches Kabinett.
Schon lange hatte ich die Absicht Objekte, welche Kulturhistorische Bedeutung für unsere Heimat haben, zu
sammeln und dem Publikum, den Studenten und der Schuljugend ab und zu zu zeigen. Unsere Zeit ist ja so hastig
lebend, daß in wenigen Jahrzehnten vieles oder Alles den jungen Leuten unbekannt sein …, was bisher an
Sitten und Gebräuchen unserem Volke lieb war und sorgsam von den „alten Leuten“ beobachtet und behütet
worden war. Ich empfand es eine Art Beschämung, daß wir und unsere Jugend über die Archäologie fremder
Völker, über die Gebräuche der alten Griechen und Römer, Perser, Aegypter und Indianer uns beläufig
unterrichten sollten, während von den heimatlichen Überlieferungen Stück um Stück verloren geht, die
Bevölkerung freizügig wird, in der Welt sich umschaut, aber der heimatlichen Mundart und der heimatlichen
Gebräuche sich schämt, sobald ein naseweiser Ladenjunge darüber spöttelt.
Allerdings bin ich mir bewußt, daß meine Person sich nicht am besten dazu eignet, Vieles von den heimatlichen
Bräuchen ist mir nicht so geläufig, als es wünschenswert ist, aber lieber wollte ich jetzt anfangen und wenig
leisten, als ein Jahrzehnt auf den „kommenden Mann“ warten und nichts mehr erhalten.
Ich teilte meine Absicht dem Direktor P. Franz Schwab, P.
Sebastian Mayr und aa. mit, erhielt mit Freuden die Zustimmung und Zusage der Förderung.
Der Saal im 5. Stock des Mathem. Turmes schien dazu geeignet, die Mumie aus
P. Anselms Zeiten bezeichnete
ihn ja schon als kulturhistorischen Zwecken dienend. Die Sache kam bald in Gang: der Kustos des Kunst- und
Antiquitäten Kabinettes überließ mir bereitwillig, alles was nicht Kunst, sondern Kultur-Objekt war,
einiges war im palaeontolog. Kabinett als praehistorische Sammlung schon vorhanden, ferner kaufte ich
von meinem Gelde um 50 K Ethnographica aus dem Missionshause von St. Gabriel bei Mödling (Obj. aus Neu Guinea),
Kästen bekam ich aus dem 1. Stocke des Math. Turmes. Hohe Schränke, in welchen vormals die
„Blaschka-Glasmodelle“ gestanden hatten, mehrere Kästen habe ich später von meinem Gelde [angeschafft] (von den
Geldern des P. Anselm oder der Ulbrichschen Stiftung habe ich keinen Kreuzer für diese neue Sammlung
verwendet). So konnte ich in den Ferien 1904/05 an die erste Aufstellung gehen und den Raum leidlich
belegen.
Ich fand bei dem Herrn Prälaten Leander, bei Kustos P. Sebastian,
beim Direktor P. Franz brüderliche Freigebigkeit und aufrichtiges Wohlwollen, auch unsere Freunde,
Studenten und Studenteneltern stellten sich bald mit traditioneller Freigebigkeit ein.
Aus dem Kunst- und Antiqutäten Kabinett wurden übergeben:
13 Geräte aus der Steinzeit, unter diesen 1 Syenitkeil, gefunden auf einem Pfarrhoffelde bei
Ried-Kremsmünster von Pfarrer P. Aegid Haydvogel, 1 Serpentin-Keil, von Kirnberg-Steyr, 24
Funde aus dem Laibacher Moor: Werkzeuge aus Hirschhorn, Dolche, Griffel,
Tongefäße, ohne Töpferscheibe angefertigt,
Garnhalter, Spinnwirbel, Netzbeschwerer vom Kustos Karl Deschmann in Laibach bestimmt
und 1876 dem Stifte übergeben; 17 Bronzegeräte, meist in Hallstatt vor 1800 gefunden,
1 "Palstab", vom Ella Kogl am Almsee von Förster Paininger 1809 gefunden, 25 römische
Gebrauchs- und Zierstücke aus Bronze und Eisen, z. T. in Enns gefunden, 25 Römerziegel und
Bruchstücke antiker Gefäße aus Enns, Pettau, Wiener-Neustadt, Eberstallzell-Steinerkirchen,
33 antike Lampen, Gefäße und Skulpturen aus Carnuntum, Lorch, Enns, Pergamum,
Sulina, Smyrna, Lesbos, Rhodos, 16 Bruchstücke antiker
Mosaik- und Stuckarbeiten, 1 Terrakotta-Nachbildung des "kleinen Jellingsteines" mit Runenschrift
aus dem Museum zu Kopenhagen, 1 Ziegelbruchstück mit Keilschrift aus Babylon, ferner Mumienlinnen
und Nachbildung eines Apis Kopfes aus Ägypten; 16 Objekte aus der Türkei, 1 Rohrfeder, 1 goldgestickte
Tasche, 1 Ring von Schildpatt, Tabakpfeifen, Löffel, Schuhe mit eisernen Absätzen, 1 Wasserbehälter,
1 Kamelglocke und 1 Schwamm aus Dattelbast; 50 Waffen und Geräthe der Neger am Weißen Nil (diese
Ethnographica stammen wahrscheinlich aus dem Nachlasse des † Dr. Genczik, der eine Zeit
lang Beamter des österr. Konsulates in Chartum war und die letzten Lebensjahre
in Kremsmünster zubrachte, † in den 1860er Jahren in Kremsmünster, der auch den größten
Teil unserer afrikanischen Vögel uns spendete.)
die Stücke sind nummeriert und wohl von † P. Oddo Schima † 1877 katalogisiert worden aber der Katalog
ist nicht auffindbar. Die Objekte stimmen vielfach mit Bildern aus Dr. Dr. Jankus Reisen am weißen
Nil und sind von mir … aus diesem Grunde als vom Weißen Nil stammend bestimmt worden); diese
Sammlung enthält Lanzen, Pfeile, Köcher, Bogen, Keulen, (eine dieser Keulen aus Eisenholz? wurde
mir von P. Franz als Inventarstück des math. Turmes übergeben) eiserne, Arm- und Fußringe, Ledergürtel
und Speisendeckel, 15 Waffen, Hausgeräte, Schmucksachen und Photographien der Zulu-Kaffern, (zth.
Gespendet von Fr. Stanislaus Haselbacher von der Trapisten-Mission Marian-Hill) 2 chinesische Löffel,
2 Kästchen aus Birkenrinde mit Ahornzucker gefüllt, von den Ottawa-Indianern in Nordamerika gearbeitet,
1 Tscherkessenpeitsche, 1 russische Tabakdose aus Birkenrinde; 5 Erzeugnisse ruthenischer
Hausindustrie: Taschen, Gürtel, Handtücher, endlich 2 oberösterreichische "Bauernranzen" aus
Leder mit Pfauenfeder gestickt, 1 Ledergurt mit Eisenstiften aus Tirol (nach Mitteilung der
Studenten Steiger Wilhelm 3. Kl. u. Skarda Alex. 2. Kl.) 1 Hut einer oberöster. Bäuerin,
1 Perlhaube, 1 goldgewirkten Hosenträger, 2 schmiedeeiserne Leuchter. Der Herr Prälat übergab
7 Spindeluhren, zum Teil mit Doppelgehäuse. Herr Kommerzialrat Karl Thill, Wien spendete 2 reich
gearbeitete Goldhauben, (ältere „Erl-“ (Ohren) Haube und jüngerer Form, Georg Forstner
(Abteymayr hiesiger Pfarre) 1 Perlhaube mit Hochzeitsschmuck (1882), Herr Baron Dr. Otmar Potier
des Echelles (durcharbeitete 1902 unsere Waffensammlung) 3 Spanleuchter. Das Stiftsküchenamt überließ
ein Zinnservice aus der Zinnkammer, Herr Fr. Alexander Pessl spendete ein Zinnkrügel, Herr Schlosser
Fechter (hier) einen schönen Streicher und 1 messingbeschlagene Tabakspfeife, der Kustos eine
granatenbesetzte Perlhaube aus Windischgarsten und 3 Mostkrüge aus den Bauernhäusern der Umgebung.
(um 10 K vom Biblioth-… Ferdin. Derflinger von mir gekauft.) Dazu kam eine Kollektion "Ethnologica"
aus Deutsch-Neu-Guinea aus dem Missionshause St. Gabriel - ich war in diesem Hause auf Besuch im
August 1903 – das Original-Verzeichnis liegt in den "Schriften die Naturalien Kabinette betreffend“.
Die Kollektion enthält: 7 hölzerne Lanzen, zum Teil mit Bambusspitze, 1 mit Kasuarfedern geziert,
3 Bogen, 16 Pfeile, meist mit Bambusspitzen, 1 Wurfholz, 2 geschnitzte und bemalte Ruder, 1 Fischkorb,
1 Stein zum Steinbeil, 1 Dolch aus Kasuarknochen, 3 Gürtel, 1 Korb aus Sagoblättern, 8 Taschen,
teilweise mit Muscheln und Früchten geziert, 21 Schmuckgegenstände. (ANGERER, 1902-1911, 35-39)
Im Zuge des Fundes der jungpaläolithischen Frauenstatuette vom Galgenberg in
Stratzing auf Kremsmünsterer Stiftsgrund 1988 veranlasste Kustos
P. Jakob Krinzinger die Neuaufstellung der Prähistorischen
Sammlung - anschließend an das Paläontologische Kabinett - in einem eigenen Raum im ersten Stockwerk der Sternwarte.
Dr. Otto H. Urban übernahm 1992 die Koordination der Neuaufstellung. Dabei wurden die prähistorischen Objekte aus dem
fünften Stock heruntergebracht.
Quellen und Literatur:
ANGERER, P. Leonhard 1902-1911: Tagebuch der Naturalien-Kabinette und des botan. Gartens in Kremsmünster, I. Band, MS, Kustodiatsarchiv der Sternwarte, Kremsmünster
ANGERER, Leonhard 1904: Naturhistorische Sammlungen, in: 54. Programm des kais. kön. Obergymnasiums der Benediktiner zu Kremsmünster
für das Schuljahr 1904, Linz, 20-24
ANGERER, Leonhard 1910: Geologie und Prähistorie von Kremsmünster, in: 60. Programm des kais. kön. Obergymnasiums der
Benediktiner zu Kremsmünster für das Schuljahr 1910, Kremsmünster
REITINGER, Josef 1968: [Lemma: Steinbach am Ziehberg] Die ur- und frühgeschichtlichen Funde in Oberöstereich,
Schriftenreihe des OÖ. Musealvereines, Bd. 3, Linz, 401